12 Cellisten - Plattencover - 400px

Sind 12 Celli für Rockfans geeignet?

Für Rockpuristen gibt es wahrscheinlich keinen Spielraum. Gitarre, Drums, Bass. Mehr darf es nicht sein für eine gute Band. Doch der harte Kern weicht auf. Rockmusik kennt längst viele Instrumente. Wenngleich der Purist bei Keyboards gleich an Pop denkt, bei der Geige, pardon, bei der Fiddle gleich an Folk und bei der Flöte entweder an Weltmusik oder Jethro Tull, falls das nicht sowieso das gleiche ist.

Aber Cello? Darf das sein? Ja, es darf. Spätestens seit es einen Präzedenzfall namens Apocalyptica gibt. Mit ihrem Debütalbum, auf dem sie Metallica-Songs auf vier Celli spielen, sollte sich die Frage nach Celli und Rock erledigt haben.

Doch am Samstag Abend hat nicht Apocalyptica in Hamburg gespielt, sondern die 12 Cellisten der Berliner Philharmoniker. Und das muss doch Klassik sein, oder? Ja, aber nicht nur.

Wer mit der Erwartung von klassischer Musik in ein Konzert der Cellissimo-Tour geht, wird zunächst nicht überrascht. Mit einem eigens für 12 Celli komponierten Stück starten die 11 Cellisten und eine Cellistin. Das Ambiente in der Laeiszhalle ist „klassisch“, auf der Bühne die ebenfalls erwartungsgemäße schwarze Abendgarderobe. Doch Details deuten bereits darauf hin, irgendwas ist anders: Keine Fliege, nicht mal eine Krawatte, sondern offener Hemdkragen lautet der Dresscode für die Herren auf der Bühne.

Offener Hemdkragen? Falls der eine oder der andere hartgesottene Rockfan bis hierher gelesen hat, bei offener Hemdkragen aber doch Beklemmungen bekommt, denkt einfach an Grunge. Da haben die Bands auch Hemden getragen! Ok, es waren Holzfällerhemden, weil’s in Seattle immer kalt ist, aber immerhin Hemden.

In der Laeiszhalle hat das Ensemble (aka. Band) dafür gesorgt, dass die befürchtete steife Atmosphäre, die jeden Rockfan irritiert, gar nicht erst aufkommt. Einige Anekdoten aus der Geschichte der 12 Cellisten und zur Entstehung der einzelnen Stücke (aka. Songs) sorgen mit eigenem Witz und lockerer Vortragsweise für Unterhaltung. So zum Beispiel die Geschichte, dass einige eigens für 12 Celli komponierte Stücke nur dem Zufall zu verdanken sind, dass der Gründer der Cellisten im strömenden Regen eine Anhalterin mitgenommen hat, die sich als Tochter eines Komponisten entpuppte. Flugs wurde als Dank für das Mitnehmen eine Komposition bei der Tramperin Vater in Auftrag gegeben. Das nenn‘ ich geschäftstüchtig.

Das, was dann auf 12 Celli passiert, ist unterhaltsam. Erstaunlich, was man aus dem Instrument herausholen kann. Und wie man es behandeln kann. Da wird gestrichen, gezupft und geklopft (Saiten), nochmal geklopft und gestrichen (Corpus) und gepfiffen (ohne Cello).

So vergeht die erste Hälfte des Konzerts wie im Flug. Die Musik erinnert mich unweigerlich an Filmmusik. Aus der Musik entstehen Stimmungen, aus den Stimmungen Bilder. Die Stücke klingen vertraut und dauernd denke ich, aus irgendeinem Film kenn‘ ich das. Aber ich täusche mich wohl. Dass ich trotzdem nicht ganz falsch liege, zeigt sich nach der Pause.

Denn in der zweiten Hälfte stehen tatsächlich vertraute Stücke auf dem Programm, natürlich für die ungewöhnliche Instrumentierung arrangiert (aka. gecovert). Mit Ravel geht es los, das ist noch nicht so außergewöhnlich. Es folgen Stücke, die an die Musik des Paris der 1940er erinnern.

Mit As Time goes by betreten die 12 dann schließlich cineastisches Terrain (Casablanca).  Als endlich Ennio Morricone an der Reihe ist, sollte auch der letzte Klassik-Verweigerer verstummen. Das bekannteste Stück aus Spiel mit das Lied vom Tod, der Man with a Harmonica bildet den Höhepunkt des Konzerts. Drei Zugaben und stehende Ovationen sollten es am Ende werden. Unter den Bonus Tracks das bekannte Thema aus dem rosaroten Panther, als ob man noch einmal beweisen müsste, dass das nicht Klassik ist, was da an diesem Abend in der Laeiszhalle über die Bühne geht. Aber klasse allemal. Mein Tipp: Hingehen! (Oder Kaufen; siehe Tipps in der rechten Spalte.)

This entry was posted on Sonntag, Januar 6th, 2013 at 13:39 and is filed under Konzert. You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. Both comments and pings are currently closed.

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