Michael Kiwanuka: Home again - Albumcover

Michael Kiwanuka: Home again

Pünktlich am 9. März habe ich mir das Debutalbum von Michael Kiwanuka zugelegt. Hinreichend in Spannung versetzt und angeteasert durch die Medien. Nein, nicht die Fachmedien, sondern die großen Medien. Titel, Thesen, Temperamente widmete ihm einen Beitrag, ARD-Kultur berichtet online in Form von NDR-Beiträgen und BR-Interviews. Und alle verweisen auf die BBC, die Kiwanuka zum “Sound of 2012 Artist” kührte. Und worum geht’s eigentlich? Um nichts geringeres als die “Neuerfindung des Soul”, wie der NDR schrieb.

Grund genug, das Album zu kaufen? Nein, nur weil die (öffentlich-rechtlichen) Medien einen Musiker so pushen, muss ich nicht gleich loslaufen und kaufen. Aber alles, was ich vor dem 9. März von Kiwanuka gehört habe, klang gut. Es blieb die spannende Frage, ob das Album hält, was alle versprechen.

Um die Antwort gleich vorab zu geben: Nein. Das ist nicht die Neuerfindung des Soul. Und wenn ich schon dabei bin, gleich die negativen Punkte vorweg, dann kann ich die positiven Punkte zum Schluss nennen:

Das Album ist schlecht produziert. “Schlecht” im Sinne von nicht ausgenutztem Potential. Bei der Produktion wurde soviel Wert auf Erfolg und den Anschein von gutem, altem Soul gelegt, dass alles andere in den Hintergrund gerückt ist. Sichtbares Zeichen dafür ist das Cover. Das gesamte Artwork ist in den Sepia-Topf gefallen. Ich habe mich immer gefragt, welche Dilettanten mit ihrer Digicam von Aldi oder Lidl die Einstellung “sepia” verwenden. Jetzt weiß ich es. Sie arbeiten für Plattenlabels. Aber wer glaubt denn heute noch, dass sepia-gefärbte Fotos die Authentizität der Motown-Zeit verkörpern? Das ist ja so, als hätte ich das Coverdesign selbst gemacht. Einfach mal im Photoshop auf “sepia” klicken, am besten noch ein paar künstliche Kratzer drauf und schon ist es “alt”. Lächerlich wird das Design, wenn es ein altes Stereo-Zeichen verwendet, um die gute alte Zeit heraufzubeschwören, als “stereo” noch ein erwähnenswertes Feature war.

Klanglich ist viel zu viel glattgestrichen worden. Kiwanuka wird mit Marvin Gaye und Bill Withers verglichen. Würde Withers heute so klingen, würde man entweder sagen, er hat sich nicht weiterenwickelt, oder er hat sich an den Massengeschmack angepasst. Mir ist das Album zu sehr Pop, um meine Seele zu berühren.

So, das war das Negative. Nun zu den positiven Punkten.

1. Kiwanuka ist gut.

2. Das Album ist okay, ein paar schöne Lieder, nur eben nicht herausragend. Lässt man den ganzen Hype weg, kann man sich auf das Album freuen und geht mit guter Musik nach Hause.

3. Punktuell sind Album und Sänger mehr als gut. Das erste Lied, Tell me a tale, ist herausragend. Irgendwie ist es gelungen, unter den vielen glattgeschliffenen Songs ein Juwel zu behalten. Wenn Kiwanuka in Zukunft so klingt, bekommt er nicht nur von der BBC, sondern auch von mir eine Auszeichnung. Von diesem Sound möchte ich mehr von Kiwanuka hören.

Außerdem freue ich mich auf Kiwanuka live. Ich habe die berechtigte Hoffnung, dass er auf der Bühne mehr von seinem Potential nutzen kann.

Kaufempfehlung? Muss man nicht kaufen, kann man aber. Doch dann bitte nicht mit einer von den Medien aufgeputschten Erwartungshaltung. Man bekommt ein gutes Album mit ungefährlichen Songs für einen ruhigen Abend in netter Atmosphäre. Es scheint, als wäre ich nicht der einzige mit dieser Meinung. Der Preis für die CD ist in nur zweieinhalb Wochen bei Amazon unter 10 Euro gerutscht. Nicht gerade ein Zeichen für stürmisches Interesse seitens der Käufer.

Der Plattenfirma empfehle ich, Kiwanuka einfach mal machen zu lassen. Wenn sie das nicht schafft, empfehle ich Michael Kiwanuka ein Indie-Label. Aber ich fürchte dafür ist es schon zu spät. Vielleicht muss er einfach ein paar Jahre den künstlich erzeugten Erfolg mitnehmen, den sein Label vermutlich generieren kann, bevor er irgendwann sagt, “jetzt mach ich mein eigenes Ding”. Das wünsche ich mir. Möglicherweise ist er dann ‘ne Weile weg und nachher sprechen die Medien vom Comeback des Jahres. Es bleibt spannend zu sehen, was aus ihm wird.

Abschließend noch etwas zur Ausstattung des Albums: Ich habe mir die Limited Deluxe Edition zugelegt. Sie enthält im Digipak eine zweite CD mit fünf Songs. Sie war nur 1 Euro teurer, insofern ist das schon okay. Man muss sie aber nicht kaufen. Zwei der zusätzlichen Songs sind auch auf der regulären CD zu finden; die Bonus-CD liefert sie in anderer Version, die aber so nah am Original ist, dass das auch nicht spannend ist. Die Aufmachung ist durchaus ansprechend, wie gesagt, designmäßig sehr auf “alt” getrimmt. Songtexte werden nicht mitgeliefert, aber Kiwanukas Stärke scheint eher in der Komposition zu liegen als im Texten; deshalb vermisse ich die Lyrics nicht besonders.

This entry was posted on Samstag, April 14th, 2012 at 11:35 and is filed under Platte. You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. You can leave a response, or trackback from your own site.

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